Im Meer schwimmen Krokodile

Wie findet man einen Ort, an dem man sich weiter entwickeln kann, Enaiat? Woran erkennt man ihn? Daran, dass man nicht mehr weggehen will.

 

 

Die authentische Geschichte beschreibt die Flucht eines zehnjährigen Jungen vor den Taliban von Afghanistan bis nach Italien. Über Pakistan, Iran, Türkei und Griechenland erreicht er nach acht Jahren Italien.

 

Enaiat wird eines morgens wach und ist allein auf sich gestellt.

 

Wenn deine Mutter dich beim Einschlafen besonders lange liebkost und von Träumen spricht, davon, dass man immer einen Wunsch vor Augen haben muss, ...wenn sie also damit die Stille füllt, die stets nüchtern und wortkarg war, selbst dann fällt es dir schwer, zu glauben, dass die Worte khoda negahdar Lebewohl bedeuten (S.5 ff).

 

Sprichwort der Taliban: Den Tadschiken Tadschikistan, den Usbeken Usbekistan, den Hazara Goristan. Gor bedeutet Grab.

 

Enaiat ist Hazara. Er erlebt die menschenverachtende Gewalt der Taliban, arbeitet bis zur Erschöpfung, wird verprügelt, auf der Flucht erwischt, zurück gebracht, muss sich das Geld dafür erst verdienen, versucht es erneut, wird wieder erwischt und durchlebt Alles noch einmal, wie einen wiederkehrenden Albtraum und versucht es wieder. Drei Tage und Nächte bewegungsunfähig eingepfercht mit anderen Flüchtlingen in einem doppelten LKW-Boden wird er durch die Türkei gekarrt.

 

»Der Tod kommt einem sehr weit weg vor, auch wenn er gar nicht mehr so weit entfernt ist. Man glaubt, ihn überlisten zu können.«

 

»Aber so ist das nun mal.« Diesen Satz benutzt der Junge öfter. Bei allem Mut und aller Willenskraft immer wieder die Ergebenheit des Schicksals. Die Ergebenheit eines Kindes, dessen Fähigkeiten und Möglichkeiten begrenzt sind.

 

In Italien erlebt Enaiat zum ersten Mal nach acht Jahren Menschlichkeit.

 

»Ich weiß noch, wie ich dachte, dass es enorm gute Menschen gibt.«

 

Als er endlich mit seiner Mutter telefonieren kann, ist der Dialog wortlos.

 

»Nach acht Jahren sprachen wir das erste Mal wieder miteinander und diese tränennassen Seufzer waren alles, was sich Mutter und Sohn nach so langer Zeit sagen konnten.

...und begriff vielleicht zum ersten Mal, dass auch ich noch am Leben war« (S. 218).